Einmal täglich Hochzeit Von Wolfgang Weitlaner

• Wer einmal in Bulgarien zu einem Fest geladen wurde, weiß, wie herzlich und heiter das ist • Eine private Tourismus-Initiative in Bulgarien schafft Arbeit im Dorf. Wie eine 76-jährige Witwe ein Dorf ohne Sehenswürdigkeiten aus dem Tiefschlaf erweckt und nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen hat. Solnik ist ein kleines, abgelegenes Dorf im Hinterland des bulgarischen Goldstrands, etwa 40 Kilometer südwestlich von Varna gelegen. Eine Ortschaft, wie es wohl hunderte oder sogar tausende in Bulgarien gibt. Während sich am Gold- und Sonnenstrand die Touristen tummeln, verschlägt es in aller Regel kaum einen Gast ins Hinterland. Solnik bildet da allerdings eine Ausnahme, obwohl es dort per se keine Attraktionen gibt. Dennoch kommen seit einigen Jahren Touristen busweise zu Oma Radkas Haus, um dort das bulgarische Dorfleben kennenzulernen und mit einem Lächeln auf den Lippen wieder abzufahren. Irgendwann Mitte der 90er Jahre kam ein Kleinbus mit einer Handvoll Touristen durch die Ortschaft. Damals war der Großteil der Bewohner arbeitslos und irgendwie schien das Dorf in eine Art Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Doch wie es sich hier gehört, bewirtete man die Gäste ganz traditionell mit Schopska-Salat, Schnaps, Suppe und Eintopf. Alle im Haus halfen bei der Bewirtung mit. Nach dem Essen wurde gesungen, getanzt und musiziert. Schnell verbreitete sich die Kunde davon, dass man hier das Dorfleben kennenlernen kann. Wer einmal in Bulgarien zu einem Fest geladen wurde, weiß, wie herzlich und heiter das ist. Bald konnte Oma Radka das ganze Business nicht mehr alleine handeln und so begannen auch die Nachbarn im Ort mitzuarbeiten. Die Männer bauten Sitze in ihre Fuhrwerke und karren nun die Gäste durch das kleine Dorf. Dann wird man nach traditioneller Art mit Brot und Salz begrüßt und kann einen Blick ins Wohnhaus von Oma Radka werfen, das immerhin seit 85 Jahren hier steht. Traditionelles Essen und Volksfest Heute kommen Touristen in großen klimatisierten Reisebussen. Geschätzte 100 Gäste kann sie im idyllischen Innenhof ihres Hauses unterbringen. Die Mahlzeit beginnt immer mit Salat und Schnaps, egal ob der traditionelle bulgarische Schopska-Salat mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln und dem feinen Schafskäse oder ein Krautsalat mit Karotten gereicht wird. Dazu gibt es Brot. Danach serviert man Bohnensuppe und einen richtig schönen und würzigen Eintopf aus Fleisch und Gemüse. Wer will, bekommt auch die scharfen eingelegten Pfefferoni und rohe Knoblauchzehen dazu. Das ist echtes traditionelles bulgarisches Essen. Während die älteren Frauen in landestypischer Tracht die Mahlzeiten servieren, wird hinter den Kulissen schon fleißig am nachfolgenden Musikprogramm gearbeitet. Kaum ist die Mahlzeit vorbei, treten zwei Männer in Tracht – einer mit seiner Gaida (der bulgarischen Sackpfeife) sowie ein Trommler – musizierend aus dem Hauseingang hervor. Dahinter folgen dann die Frauen, die zur Musik tanzen. Oma Radka weiß, wie sie ihr Publikum bei guter Laune halten kann. Denn nach den traditionellen Tanzdarbietungen des um Regen bittenden Schmetterlingstanzes und dem rhythmisch sehr ansprechenden Kochlöffeltanz, bei dem zwei Kochlöffel von den Tänzerinnen als Rhythmusinstrumente eingesetzt werden, erfolgt der Aufruf "Publikum mitmachen". Dazu gehen die Frauen einfach zu den Tischen und holen sich die erforderliche Zahl an frei- und anfangs unfreiwilligen Tänzern. Rasch wird ein weißes Kleidchen übergezogen und dann kann man den sogenannten "Nackten Tanz", bei dem der Kleiderdiebstahl der Frauen durch böse Jungs simuliert wird, nachspielen. Spätestens jetzt tauen die eher verhaltenen Gäste aus dem kühlen Mittel- und Nordeuropa auf und beginnen zu lachen. Der absolute Höhepunkt ist allerdings die täglich stattfindende Hochzeit in der Volkstracht. Oma Radka beweist ein sicheres Händchen und lässt die zwei Richtigen zum Brautpaar werden. Diesmal sind es eine junge Frau aus Deutschland und ein junger Mann aus Dänemark, die von der Gastgeberin zum Hochzeitspaar auserkoren wurden. Die beiden müssen einigen Humor zeigen und bei so manchem Ritual mitmachen. Nicht nur das Neo-Ehepaar zeigt sich erheitert, sondern längst auch die anderen anwesenden Gäste. Es wird eifrig fotografiert und zwischendurch auch applaudiert. Ein erfolgreiches Tourismuskonzept Das Erstaunliche daran ist, dass die anfängliche Skepsis über das Programm durch die doch große Zahl von Gästen plötzlich wie weggeblasen ist. "Es freut mich, wenn die Gäste mit einem Lächeln auf dem Gesicht von hier weggehen", meint Oma Radka bescheiden. Im Grunde genommen wünsche sie sich Frieden und Freude. Und trotz des Klischees glaubt man der alten Frau mit dem verschmitzten Lächeln diese Sätze. Heute ist Oma Radka 76 Jahre alt und seit rund zweieinhalb Jahren Witwe. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das, was wir hier machen, das Überleben unseres Dorfes sichern kann", meint die sympathische Frau. "Mein verstorbener Ehemann und meine ganze Familie haben mich bei dem Unternehmen immer unterstützt." Das ist auch heute noch so. In der Zwischenzeit arbeiten der ältere Sohn und auch die Enkelkinder am Projekt mit. Oma Radka ist inzwischen weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Auch große Reiseveranstalter wie etwa Alltours bieten den Ausflug ins Dorf mittlerweile über die Hotels an. Schenkt man den Reiseveranstaltern Glauben, dann sind die Gäste nach dem Besuch bei Oma Radka irgendwie glücklicher. Das erzählt auch André Buschkowski, Chefreiseleiter und Destination-Manager bei Alltours. "Dieser Ausflug ist einfach etwas ganz Besonderes – und er erfüllt die Herzen mit Freude." Dem kann der Autor nur zustimmen. Einen Rat gibt Oma Radka noch mit auf dem Weg – und der lautet, dem Ruf des Herzens zu folgen und sich auf Neues einzulassen. Das könne sie nur jedem empfehlen.